Asienreise 2010/11, Blog, China

Ab in die Berge von Osttibet

Haben wir im letzten Blogeintrag behauptet Essen bestellen in China sei einfach?? Inzwischen wurden wir eines Besseren belehrt. Uns schwebt ein feines sweet & sour – Poulet vor, als wir der Köchin im Restaurant auf das Huhn in unserem Point-It Buch zeigen. Resultat ist dann leider eine Art Poulet-Suppe mitsamt Kopf, Krallen und allen anderen Dellikatessen… Wir entscheiden uns dann für die vegetarische Version und bestellen ab sofort nur noch Sachen, die wir vorher begutachten können.

Umso besser klappt das nächste Projekt: Am riesigen Busterminal ein Busbillet zu kaufen. Vorgestellt haben wir uns ein langwieriges rumgehample am Billetschalter um der Verkäuferin klarzumachen, dass wir unsere Velos mitnehmen wollen. Aber nichts in dieser Art… Nach kurzem erklären kommt ein Angestellter zu uns und führt uns direkt zum Bus. Fünf Minuten später sind wir unterwegs. Im Vergleich zu Südostasien haben die Chinesen eine Ader für Effizienz und Pragmatik.

Weiter per Velo geht es dann entlang einem Fluss, durch ein schönes und ländliches Gebiet. Nach der Zeit in Laos, wo Landwirtschaft entweder in Form von Mais-Monokulturen oder Brandrodungs-Anbau vorkam, sind hier die schön terrassierten Hänge mit abwechslungsreicher Bepflanzung wieder eine richtige Augenweide. In den tieferen Höhenlagen wird Reis angebaut, in den höheren Lagen Getreide. Nicht nur optisch lässt sich das unterscheiden, sondern auch am Mittag bei der Nudelsuppe. In Südostasien und in Südchina sind Reisnudeln Standart, hier weiter nördlich gibt es endlich wieder „richtige“ Nudeln aus Getreide. Diese werden gerade frisch von Hand zubereitet. Sogar die Nudelbreite kann man wählen…

Die Chinesen scheinen zu wissen wie man gute Landwirtschaft betreibt. In der Trockenzeit wird Getreide auf den Terrassen angepflanzt, für die Regenzeit dann wieder Reis. Feldarbeit ist oft noch immer gleich Handarbeit. Gepflügt wird mit Hilfe von Wasserbüffeln, die Reissetzlinge von Hand gepflanzt und das Getreide von Hand geerntet. Nur beim Dreschen haben sich die Bauern „neue Technologien“ zunutze gemacht. Das Getreide wird einfach auf die Strasse geworfen, sodass alle Fahrzeuge darüberfahren müssen und sich der Spreu ohne Kraftaufwand vom Weizen trennt. So konnten auch wir beim Dreschen behilflich sein! :o)

In diesen Tagen fahren wir auch unseren 5000. Reisekilometer. Obwohl wir keine grossen Zahlen- und Statistikfetischisten sind ist das natürlich ein Grund zum Feiern. Der chinesische Rotwein stellt sich dann als süsser Dessertwein heraus, aber egal, es geht ja mehr ums anstossen ;-).

Tagsüber pedalen wir meist durch sehr ländliches Gebiet mit einigen kleinen Dörfern und teilen die Strasse mit Bauern, Wasserbüffeln und dem einen oder andere altersschwachen Traktor. Ein starken Kontrast bilden dann die grossen Städte am Abend. Vier- bis Sechsspurige Alleen sind Standart und oft haben wir das Gefühl, dass die Städte nur aus Hotels, Restaurants und Coffeuren bestehen. Die meisten dieser Städte sind nicht gerade eine Augenweide, da sie meist mit Hilfe von viel Beton aus dem Boden gestampft wurden. Allerdings wird zum Teil erfolgreich versucht das Stadtbild mit Bepflanzung, Alleen und Pärken zu verschönern. Was zudem im sonstigen Asien Mangelware ist, sind die hier allgegenwärtigen Velowege .Das einzige was irgendwie zu fehlen scheint sind die Bewohner! Die rieseigen Strassen sind fast autofrei und die meisten Restaurants leer. Aber mit der schnellwachsenden Bevölkerung in China, wird das vielleich bald anders aussehen…

Des Velofahrers Feind sind, wie in den meisten Ländern, die Bus- und Lastwagenfahrer. Allerdings ist es dann doch nicht annähernd so schlimm wie zum Teil erzählt wird. Das laute Gehupe darf man nicht als Aggressivität verstehen, sondern eher als gutgemeinte Warnung. Neben dem Gehupe hinterlassen die Lastwagen auch nasse und rutschige Strassen. Die Kühlung der Bremsen geschieht mit viel Wasser, dass zusammen mit Schmieröl und Bremsstaub auf der Strasse landet und einen schmierigen Film bildet, auf dem es nicht auszurutschen gilt.

Nachdem wir für eine Woche durch ländliche Gebiete radeln, erreichen wir in Dali die chinesische Tourismuswelt. Tourismus in China bedeutet vorallem VIELE Leute. Und zwar keine ausländische Touristen, wie in den meisten Ländern Asiens, sondern Busladungen voll Chinesen die genug reich sind um nun ihr eigenes Land zu bereisen. Zur Hauptreisezeit fühlt man sich daher in den Altstädten von diesen Touristenorten wie an einem Fussballmatch. Nach einem Ruhetag pedalen wir weiter um wieder ein wenig Luft zum Atmen zu haben ;-)

Nächster Stopp ist Lijiang, eine kleine Stadt die nach einem verheerenden Erdbeben 1994 wieder komplett nach traditioneller Bauweise aufgebaut worden ist. Hier verirren wir uns in den zahlreichen Gassen und bestaunen die hübschen Häuser. Zudem geht’s ans Einkaufen. Wir ergattern die vielleicht einzigen Outdoorschuhe der Grösse 44.5 und decken uns noch mit einigen warmen Kleidern für die kommende Zeit in Osttibet ein. Hier in der Gegend trifft wieder der gesamte Velofahrer-Clan zusammen. So treffen wir Anne und Martin nun zum dritten Mal. Erstmal in Bangkok als sie ihre Velos und wir Velotaschen gekauft haben, dann in Laos und nun wieder in China. Tja, die Welt ist manchmal schon klein… Das Wetter ist in letzter Zeit ein wenig veränderlich und wird dem Monat April gerecht. Dem grossen Regen vermögen wir aber meist auszuweichen. Von Lijiang geht es dann weiter durch die bekannte „Tiger leaping Gorge“ eine der tiefsten Schluchten der Welt die an der engsten Stelle so schmal ist, dass die Legende erzählt es sei dort vor vielen-vielen Jahren mal ein Tiger rübergesprungen ,-). Von der Schlucht gewinnen wir auf schönen und fast verkehrsfreien Passstrassen langsam an Höhe und geniessen es endlich wiedermal anständige Berge zu sehen. Nun kommt auch unser Zelt zum ersten Mal seit Monaten wieder zum Einsatz. Verwöhnt von all den Hotelzimmer müssen wir uns erst wieder an den beschränkten Platz gewöhnen ;-). Nichts destotrotz geniessen wir es aber auch wieder draussen zu übernachten. Mit den ersten paar 3000er Pässen in der Tasche kommen wir müde in Shangri-La an. Diese Stadt trägt ihren neuen Namen erst seit etwa 10 Jahren als findige Chinesische Tourismusmanager kurzerhand behauptet haben, dass die als Shangri-La beschriebene Stadt aus dem Buch Lost Horizon von James Hilton sich hier in Yunnan befindet…

Wie dem auch sei… Wir nutzen die paar Tage hier um zu waschen, das regnerische Wetter abzusitzen und uns mit Verpflegung, Benzin und Karten für die kommende Etappe auszurüsten. Auch hier scheint ein Velofahrer-Hotspot zu sein. So essen wir zusammen mit 13 anderen Velofahrern aus der ganzen Welt Znacht beim Chinesen. Familystyle natürlich ;-)

Morgen gehts nun weiter Richtung Norden nach Litang. Der Wetterbericht verspricht für die kommenden Tage sonniges Wetter und moderate Temperaturen. Perfekte Bedingungen also um über die bevorstehenden Pässe zu pedalen.