Asienreise 2010/11, Blog, Kasachstan, Kirgistan

Im Land wo süsser Honig und saure Milch fliesst

Von China geht es mit dem bequemsten Nachtbus aller Zeiten nach Almaty (Kasachstan). Leider aber nicht dem Schnellsten! So benötigen wir geschlagene 30 Stunden für die 1200 Kilometer von Urumqi nach Almaty. Das Hauptproblem ist die endlose Wartezeit an der Grenze. Obwohl jeder von uns 50 Yuan (rund CHF 7.-) Schmiergeld bezahlen muss, um die Durchsuchung des Gepäckes zu „beschleunigen“… Für uns ist klar, der nächste Grenzübergang erfolgt wieder auf zwei Rädern.

(Fast) zurück in Europa
Unser erster Stop in Almaty ist ein Tankstellen-Shop, wo wir erst mal Mineralwasser einkaufen. Ich weiss, das tönt jetzt nicht nach etwas besonderem, aber nach fast einem Jahr mit stillem Wasser, ist ein Mineralwasser mit Kohlensäure eine richtige Attraktion!! :o) Überhaupt ist Kasachstan, und später auch Kirgistan, für uns ein kulinarisches Highlight. Endlich gibt es im Supermakt wieder Produkte, welche wir kennen und die wir in China so vermisst haben: Italienische Pasta, Tomatenpüree, Brot, Butter, Käse und vor allem richtige Schokolade! Auch sprachlich ist es hier viel einfacher, denn alle sprechen neben ihrer Muttersprache auch Russisch. Nicht dass wie fliessend russisch sprechen würden, aber es hat einfach viel, viel mehr Gemeinsamkeiten mit dem Deutschen. Hinzu kommt, dass die Denkweise der Leute hier der unseren entspricht. Damit muss vieles gar nicht erst erklärt werden, es ist einfach klar! Überhaupt scheint es uns, dass wir einen riesigen Schritt Richtung „nach Hause“ gemacht haben. Leute, Kultur, Städte und nicht zuletzt die zahlreichen Deutschen Exportfahrzeuge mit deutschen Aufschriften erinnern uns an Osteuropa.

Nach drei Tagen in Kasachstan, erreichen wir bereits die Grenze zu Kirgistan. Im Vergleich zum Grenzübergang von China nach Kasachstan ist das ein Sonntagsspaziergang. Wir müssen nicht mal die üblichen Formulare ausfüllen… Unser erster Stop ist Bishkek, die Hauptstadt Kirgistans. Hier müssen wir zuerst mal die Visas für Tadjikistan und Usbekistan beantragen. Wie es scheint, sind wir nicht die einzigen. In unserem Hotel finden wir eine ganze Invasion von Velofahrern vor, welche ebenfalls auf ihre Visas warten. So werden jeweils bis lang in die Nacht Geschichten, Tipps und Tricks ausgetauscht.

Song Köl, die kirgisische Alp
Wir wollen unsere Zeit jedoch nicht mit dem Warten auf Visas totschlagen und machen uns auf eine Rundtour. Unser erster Pass endet mit einem drei Kilometer langen Tunnel. Zum Glück werden die Lastwagen nur gestaffelt durchgelassen, somit ist die Durchfahrt nur halb so schlimm. Dafür ist die Luft umso dreckiger. Auf der anderen Seite des Tunnels kommen wir mit geschwärzten Zähnen raus ;-)

Nach einer langen Abfahrt verlassen wir die Hauptstrasse und biegen auf eine kleine Nebenstrasse ab. Von hier an macht das Velofahren erst richtig Spass: Fast kein Verkehr und traumhafte Landschaft. Wir fahren durch dichte Wälder und an orangefarbenen Felsen vorbei. Ich denke an Australien, während unsere polnischen Velokollegen die Landschaft mit Colorado vergleichen.

Unser eigentliches Ziel ist der Song Kul See: Einen glasklaren See, umrundet von schneebedeckten Bergen! Tönt gut, oder? Das Problem ist nur, wir müssen zuerst über diese Berge fahren… Von anderen Velofahrern wissen wir bereits, dass die Anfahrt streng aber auch wunderschön sein wird. „Velofahren vom Feinsten!“ war der genauer Wortlaut. Dem können wir uns nur anschliessen. Wir fahren durch ein grünes Tal immerzu einem Fluss entlang. Ab und zu begegnen uns altersschwache Ladas aus den 70er Jahren. Irgendwie ist das Bild unwirklich… Vor allem als die Steilheit und der Zustand der Strasse uns zwingen vom Velo zu steigen und zu stossen. Wie die klapprigen Ladas die Steigung überwinden ist uns schleierhaft.

Als wir auf dem Pass ankommen ist jedoch jede Strapaze vergessen. Die Aussicht ist einfach atemberaubend. Vor uns breitet sich der tiefblaue See, umrundet von den schneebedeckten Bergen, aus. In der Ferne erblicken wir hie und da eine Jurte. Song Köl ist nämlich so etwas wie die Alp bei uns. Die Nomaden verbringen die Sommermonate mit ihren Herden hier. Im Gegensatz zu den vielen Kühen in der Schweiz bestehen die Herden hier zumeist aus Pferden und aus Schafen. Überhaupt sind Pferde, neben den Ladas, hier das Haupttransportmittel. Immer wieder kommen neugierige Reiter zu unserem Zelt um kurz Hallo zu sagen und uns die Hand zu schütteln.

Sollen wir uns ein Huhn kaufen?
Nachdem wir zwei Nächte auf einer Wiese inmitten von unzähligen Edelweiss am Seeufer gecampt haben, machen wir uns erholt an die Weiterfahrt. Diesesmal aber über die „Hauptstrasse“, welche zum Glück nicht ganz so steil ist. Für uns ist es Zeit unsere Vorräte wieder aufzustocken. Gemäss unserer Karte ist am Fusse des Berges ein Dorf. Das Dorf besteht tatsächlich, nur ist es etwas kleiner als erwartet… Aber schnell sind alle Läden abgeklappert und unsere Rezepte an an die vorhandenen Lebensmittel angepasst. Nur Eier gibt es nirgendwo zu kaufen, obwohl wir von überall her Hühnergegackere hören. Tja, vielleicht sollten wir uns auch einfach ein eigenes Huhn kaufen?!?

Am nächsten Morgen kommen wir dann nochmals an einem winzigen Dorf vorbei und versuchen unser Glück ganz nach der bewährten „Chinataktik“ in den Restaurants. Prompt finden wir so Brot und auch Eier für die nächsten vier Tage. Jetzt fehlt eigentlich nur noch das Mehl. Aber erklär mal auf russisch, dass du gerne Mehl kaufen möchtest. Ich habe es lange versucht!! Zuerst dem Ehemann. Er schaut mich nur fragend an, schüttelt den Kopf und holt seine Frau. Diese kann mir aber auch nicht wirklich weiter helfen und so wird die Grossmutter geholt. Diese nimmt mich kurzerhand an der Hand und führt mich in die Küche. Et voila, da liegt ja das Mehl, so einfach geht das! Auf jeden Fall haben ich durch die Mehl-Aktion eine neue Freundin gefunden, denn zum Abschied werde ich von der Grossmutter ganz herzlich umarmt.

Die Jubiläumsfahrt
Nachdem wir nur bereits acht Monate mit dem Velo unterwegs sind, dürfen wir heute einen Meilenstein feiern: Unser 10‘000. Kilometer! Wer hätte vor unserer Abreise gedacht, dass wir so weit kommen würden?!?

 

Gastfreundschaft im Nomadenland
Als wir am Morgen frühstücken, kommt ein Reiter auf seinem Pferd daher und machte es sich neben uns gemütlich. Natürlich laden wir ihn zu Honigbrot und Kaffee ein, was er sichtlich geniesst. Nur als wir ihm den Milchpulverpack hinhalten und ihm versichern, dass dies „Milch“ ist, sieht er uns etwas skeptisch an!! Etwas vor sich hin murmelnd leert er dann doch ein paar „Körner“ in seinem Kaffee. Aber so richtig überzeugt scheint er nicht zu sein… Als Dank für unsere Gastfreundschaft, dürfen wir noch eine kurze Runde mit seinem Pferd drehen. Wir fühlen uns wie früher beim Zirkusbesuch.

Gegen Mittag werden wir von Kindern aufgehalten. Schnell ist klar, Sie wollen uns zu ihren Jurten einladen. Klar, warum nicht? Und so sitzen wir kurze Zeit später mit der ganzen Familie vor der Jurte, trinken Kumys (vergärte Stutenmilch) und essen Brot mit Butter. Kumys ist hier so was wie das Nationalgetränk! Uns, und vor allem unseren Mägen, überzeugt es irgendwie nicht ganz… Aber kneifen geht nicht, das Getränk wird uns immer und wieder nachgefüllt!

Und es regnet doch in Kirgistan
Auch diese Fahrt führte uns wieder über einen steilen Pass. Das letzte Teilstück müssen wir wieder schieben. Immer wieder fragen wir uns ob die Ladas, welche uns überholen, irgendwo eine geheime Durchfahrt kennen… Oben angekommen gönnen wir uns erst mal einen „Farmer“! Ja genau, richtig gelesen einen Schweizer „Farmer“. Wir haben nämlich am Tag vorher zwei Schweizer Mountainbiker getroffen und als diese erfuhren wie lange wir bereits unterwegs sind, haben sie uns kurzerhand zwei Farmer geschenkt! :o) Gut gestärkt, geht es dann bergab. Leider ist die Abfahrt so steil, dass ich schon wieder vom Velo muss. Beim Philipp sieht das Ganze fahrend deutlich eleganter aus…

Nachdem wir nun 10 Tage immer bestes Wetter hatten, sieht es heute eher trüb aus. Wir entscheiden uns, wärmetechnisch, trotzdem für die Abfahrt in tiefere Gegenden. Falsch!! Kurze Zeit später fängt das Gewitter inklusive Hagel an. Innerhalb von Minuten sind wir klatschnass. Nach einer kurzen Krisensitzung entscheiden wir uns trotzdem für die Weiterfahrt. Nässer können wir ja nicht mehr werden. Doch der Regen will und will nicht nachlassen. Irgendwann geben wir dann doch auf und campen irgendwo im Nirgendwo. Aber wieder mal zeigt sich unser Zelt als unsere Rettung. Mit einer Tassen Tee und in unseren Schlafsäcken eingekuschelt sieht die Welt schon wieder viel „sonniger“ aus.

Das Touristenfestival
Unser nächstes Ziel ist Karakol. Hier findet nämlich ein Pferdefestival statt. Eigentlich erwarten wir ein einheimisches Festival, wo wir als Touristen hin können. Es stellt sich dann aber heraus, dass es sich um einen Anlass speziell für Touristen handelt. Nichts desto trotz ist es sehr eindrücklich.

Eaglehunter
Ein Mann präsentiert uns stolz seinen Adler und erklärt uns die Jagdtaktik. Nach der Theorie folgt natürlich die Praxis. Kurzerhand wird ein Hase frei gelassen und wir beobachten wie der Adler sich auf das Tier stürzt. Innert Sekunden hat der Adler den Hasen fest unter seinen Krallen und „ruft“ nach seinem Herrn. Erst als dieser vor Ort ist und sein OK gibt, fängt das Festmal für den Adler an. Früher, als der „Eaglehunter“ noch das ganze Dorf mit Fleisch versorgte, war es nicht selten, dass der Adler auch Jagd auf Rehe machte. Heute lebt der „Eaglehunter“ vermehrt vom Tourismus als von der eigentlichen Jagd.

Pferdespiele etwas anders
Weiter geht es mit den Pferdespielen. Kirgisische Pferdespiele sind eine relativ rauhe Sache. Zuerst einmal wird dafür eine Ziege geschlachtet, diese dient dann sozusagen als „Ball“. Zwei Teams versuchen vom Pferd aus die Ziege vom Boden zu heben und diese dann hinter die Torlinie zu legen. Natürlich versucht das Gegenteam ebenfalls die Ziege zu schnappen. Das endet dann meistens mit einem erbitterten Kampf, wiehernden Pferdern und viel aufgewirbeltem Staub. Das Ganze tönt ein bisschen unappetitlich, aber das Spiel ist hier nun mal ein Teil der Kultur…

Als nächstes folgt eine Sportart, welche am Besten als „Schwingen auf dem Pferd“ beschrieben werden kann. Die zwei Reiter versuchen sich Gegenseiteg vom Pferd zu werfen. Die Sicherheit mit welcher sich die „Spieler“ auf dem Pferd halten, ist wirklich sehr eindrucksvoll!

Was nun?
Wir müssen jetzt zuerst mal zurück nach Bishkek um dort unser Usbekistan Visa abzuholen. Für uns kommt diese „Pause“ gerade richtig. So können wir wiedermal ausspannen und den Stadtluxus geniessen. Sobald wir die Visas haben, geht es dann weiter in den Süden, Richtung Tajikistan.

Gallery am besten mit „Piclens“ anschauen.