Asienreise 2010/11, Blog, Kirgistan

Kugellager-Mus und Outdoor-Badewanne

In Karakol geniessen wir zwei Tage das süsse Nichtstun bevor wir per Minibus zurück nach Bishkek düsen. Dort können wir unsere Usbekistan-Visas abholen. Somit haben wir nun alle Visas zusammen! Nach doch einigen mühsamen Lektionen in „Ex-Soviet Bürokratie“ ist das wirklich ein Grund zum anstossen! Sowieso gibts momentan alle paar Tage einen Grund zum Feiern. So gilt es den 1.August zu feiern, dann sind wir am 5. August seit genau einem Jahr unterwegs, am 9. August gilt es auf meinen Geburtstag anzustossen und zuletzt erfahren wir, dass wir beide ab Anfang Oktober einen Job auf sicher haben. Prost!!!

Ohne Weg
Von der spanischen Velofahrerin, die in der gleichen Jugi übernachtet, erfahren wir, dass unsere Blogname „Sinvia“ mehrdeutig ist. Statt wie im romanischen bedeutet er in spanisch nämlich nicht „unterwegs“ sondern „ohne Weg“. Irgendwie auch passend, schliesslich sind wir ab und zu etwas weglos unterwegs… ;-)

Kugellager-Mus
Von Bishkek aus fahren wir mit einem alten Sovietzug bis zum Issikul See. Der Zug ist zwar viel langsamer als der Bus, dafür ist der Velotransport unkomplizierter und wo kann man sonst noch 180 km für gerademal 1.30 Franken zurücklegen? ;-)

Schon bei der Fahrt zum Bahnhof knackt es aus dem tiefen Inneren meines Velos, aber da wir eh schon spät dran sind, kümmern wir uns nicht weiter darum. Grosser Fehler, denn am Ziel angekommen, beginnt mein Drahtesel nach wenigen hundert Metern zu „bocken“. Das Hinterrad ist komplett blockiert und weiterfahren ist unmöglich…

Kurz zusammengefasst, düsen wir mit dem Hinterrad im Gepäck per Bus zurück nach Bishkek zum Velomechaniker, der nach kurzem werken ein „Kugellager-Mus“ diagnostiziert. Leider nichts zum essen!! Aber immerhin kann er den Schaden reparieren und wir müssen nicht auf Ersatzteile aus Europa warten… Den Rückweg zu unseren Velos bewältigen wir diesmal in einem sogenannten „Shared Taxi“. Sprich ein Taxi (oder Privatauto), in welchem man einen einzelnen Sitz „kaufen“ kann. Meist sind diese schneller und flexibler als die grossen Busse. Diesmal ist vier Franken pro Person fällig! :o) Unterwegs gibt’s dafür aber auch noch Passagierzuwachs. Schlussendlich sitzen vier Erwachsene inklusive ein Baby auf der Rückbank, und die 12 jährige Tochter quetscht sich noch auf den schon besetzten Vordersitz. Bei der Polizeikontrolle muss sie sich kurz unter der Jacke vom Fahrer verstecken, wir „zu viereinhalbt“ auf der Hinterbank, führen zu keinerlei Problemen…

Vom Issikkul See, der zu Sovietzeiten ein bekannter Kurort war, gehts nun in weniger touristische Regionen an der Grenze zu China. So ist dann der chinesische Einfluss entsprechend spürbar. Auf dem ersten Teil der Strecke teilen wir die Strasse mit chinesischen Lastwagen die den Torugartpass nutzen um chinesische Güter nach Zentralasien zu exportieren. Die Strasse ist gerade im Bau und von den Strassenarbeiter ertönt ein chinesisches „Ni hau“ zum Gruss… Neben „sidefiinem“ neuem Asphat fahren wir bei den Baustellen durch tiefen Schotter, was natürlich weniger Spass macht.

Velofahren in der Wetter-Waschküche
Mit der zunehmenden Höhe wird leider auch das Wetter garstig. Den Nieselregen am ersten Tag überstehen wir trocken bei Tee, Brot und Konfi bei einer Familie. Auf die Frage ob sie uns Brot und Eier verkaufen würden , werden wir kurzerhand in die warme Stube eingeladen. Als wir aufbrechen, werden wir grosszügig mit Eiern und frischgebackenem Brot eingedeckt. Unsere Zahlungsversuche werden bestimmt abgelehnt. In solchen Situationen haben wir oft ein wenig ein schlechtes Gewissen. Wir fühlen uns dann nämlich ein wenig als „Schmarotzer“. Aber hier gehören solche Einladungen zur Gastfreundschaft. So probieren auch wir unsere neugierigen Gäste, wenn sie z.B. während des Frühstücks aufkreuzen, entsprechend auf einen Kaffee und ein Konfibrot einzuladen, was sie dann jeweils auch gerne annehmen. ;-)

Richtig launisch wird das Wetter dann am nächsten Tag, als wir von der Hauptstrasse auf einen kleinen Feldweg abzweigen. Starker Gegenwind bläst uns ins Gesicht, Graupelkörner picksen auf der Haut und es wird innert Minuten sehr kalt. Schnell merken wir, dass wir unter diesen Umständen nicht weiterkommen und flüchten uns in das im Wind flatternde Zelt. Eine halbe Stunde später ist der Spuk vorbei und die Sonne scheint scheinheilig vom stahlblauen Himmel. Wir trauen dem Wetter aber nicht und gönnen uns einen ruhigen Nachmittag mit Wäsche waschen und lesen.

Neuer Tag, neues Glück… Ganz nach diesem Motto starten wir bei bestem Wetter und leichtem Rückenwind hinauf zum Pass auf 3400m. Wiedereinmal sind wir von der Landschaft überwältigt. Fuhren wir gerade noch durch saftige Alpwiesen mit duzenden von Jurten, geht es nun hinunter in eine surreale Landschaft, die an ein Computergame erinnert. Vom Wasser geformte Berge und tiefe Canyons säumen den Weg. In dieser trocknen und wüstenartigen Landschaft, durchqueren wir immer wieder kleine, von Wald umgebene Dörfer. Diese Gegend ist auch eine der isoliertesten von ganz Kirgistan. Während den Wintermonaten sind die Pässe geschlossen und der Zugang zu dieser Region ist unmöglich. Wie es hier bei der Schneeschmelze zu und hergeht können wir uns nur wage vorstellen. Die tief ausgefressenen Canyons zeugen jedoch von einer gewaltigen Naturkraft.

Unterwegs treffen wir auf ein französisches Paar das mit dem Tandem unterwegs ist. Auch sie sind von der holprigen Strasse nicht besonders begeistert. Das Geholpere stellt die Stabilität des Tandems gewaltig auf die Probe. Zusammen suchen wir einen geigneten Campingplatz. Nachdem wir gestern zu müde waren um die verbleibenden Kilometer zum nächsten Fluss zu fahren, freuen wir uns heute Abend umso mehr über unsere Outdoor-Badewanne. Direkt neben dem Zelt führt ein Bewässerungskanal vorbei und so ist das kühle Nass bloss einen „Sprung“ entfernt.

Rechenschieber und Vodkaschwemme
Beim Einkauf im nächsten Dorf scheint die Zeit stillgestanden zu sein. Die Verkäuferin zählt unser Einkäufe noch per Rechenschieber zusammen… Auch sonst geht das Leben hier auf dem Land noch gemächlicher zu und her als in der Hauptstadt Bishkek. Haupttransportmittel sind oft Esel und Pferd oder ab und zu ein Lastwagen mit Baujahr aus längst vergangenen Zeiten.

Ein unschönes Problem der kirgisischen Gesellschaft ist aber zweifelsfrei der Vodka. Die verbreitete Arbeitslosigkeit und der günstige Alkohol sind eine ungünstige Mischung. Oft begegnen wir schon am Morgen betrunkenen Männern… Denn in jedem Laden kann man einzelne Vodkashots für ein paar Rappen kaufen…

Problemen mit Betrunkenen sind wir bis jetzt glücklicherweise aus dem Weg gegangen. Aber dass es hier schnell mal krachen kann, wenn sich die hitzigen Leute in die Haare kommen, zeigen die Ausschreitungen wie sie beispielsweise im letzten Frühling in Osh stattgefunden haben. Im Moment ist die Lage aber entspannt.

Made in China – Die Triologie
Produkte aus China sind ja nicht gerade bekannt für ihre Qualität, diese Erfahrung machen nun auch wir. Gerade dreimal haben wir Pech. Die in China gekauften Schuhe machen nach vier Monaten schlapp; Sohle gebrochen. Der neue Veloreifen mit gerademal 1000km ist inzwischen auch schon zerschlissen und die Bremsklötze haben wir bei einer regnerischen Abfahrt innerhalb von 1500 Höhenmeter bis aufs Metall heruntergebremst… Billig gekauft ist eben doppelt gekauft.

Reiseferien
Die letzten Tage haben ziemlich an unseren Kräften gezehrt. Neben den eigentlichen Pässen waren meist auch noch diverse kleine Hügel zu bewältigen und die rauhen Schotterstrassen machen das Vorwärtskommen auch nicht einfacher. Heute ist deshalb schon am Mittag Schluss mit Velofahren. Im kühlen Schatten von einigen Bäumen schlagen wir unser Zelt auf, geniessen die frische Brise und ein fluss-gekühltes Bier. Dem 1000m hohen Pass den wir morgen in Angriff nehmen müssen, kehren wir fürs erste noch den Rücken zu ;-)

Auf der Strasse gibt es immer wieder witzige Begegnungen. So auch auf unserem letzten Pass vor Osh. Fünf Russen zwängen sich aus einem winzigen Lada Niva und machen Lunchpause auf dem Pass. Natürlich werden wir eingeladen und mit haufenweise Bonbons, Brot und süssen Trauben versorgt. In der Zwischenzeit schwingt sich einer nach dem anderen auf unsere Velos und schmeisst sich inklusive Velohelm in Fotopose…

Ruhetage in Osh
Nach strengen und sehr holprigen Tagen geniessen wir wieder mal den Luxus der Stadt. Zu unserer Überraschung treffen wir hier auf Nathalie & Dani, ein schweizer Paar, welchem wir bereits in Bishkek begegnet sind. Zusammen verbringen wir einige gemütliche Tage bevor es dann weiter nach Tadjikistan über den Pamir Highway geht.