Asienreise 2010/11, Blog, Kirgistan, Tajikistan

Velo-Autobahn durchs Niemandsland

Unsere Reise geht nun langsam aber sicher dem Ende zu. Haben wir uns lange Zeit keine Gedanken gemacht, welche über die nächste Woche reichten, beginnt nun das planen wie und wo wir die verbleibenden vier Wochen genau verbringen. Da wir mehr Zeit als geplant in Kirgistan verbracht haben und unser Tajikistanvisum bereits vor Tagen begonnen hat, legen wir die Strecke bis zur Grenze per Taxi zurück. Unsere Velos werden in ihre Einzelteile zerlegt und finden schlussendlich Platz im Kofferraum des Jeeps. Vom drückend heissen Osh auf 800m geht es so in vier Stunden hinauf auf 3200m nach Sary Tash, dem letzten kirgisischen Dorf vor der Grenze.

Das Pamirgebirge steht wie eine unüberwindbare Wand aus Fels und Eis vor uns. Fünf-, Sechs- und Siebentausender stehen in Reih und Glied. „Pik Lenin“, rund 7100m ist nur wenige Kilometer von hier und gilt als einer der „leichtesten“ 7000er. Fürs erste lassen wir den nun aber links liegen ;-) Unsere Akklimatisation von China ist schon längst verflogen und so gilt es sich der 4000er Grenze in kleinen Etappen zu nähern. Damit wir nicht allzu schnell vorwärts kommen sorgen auch die beiden Grenzübergänge. Die Kirgisen haben gerade Mittagspause und so ist erstmal Geduld gefragt. Schlussendlich kommt ein Polizist an den Grenzzaun und blättert interessiert in unserem Pass. Nach einigem Smalltalk winkt er uns durch und hätte uns prompt ohne Ausreisestempel zu den Tajiken geschickt. Wir beharren dann aber auf dem Stempel und ersparen uns somit dem Rückweg vom zwanzig Kilometer entfernt gelegenen Grenzposten der Tajiken.

Wir campen die folgende Nacht im Niemandsland irgendwo zwischen Kirgistan und Tajikistan. Der Pass zur Grenze hat es dann in sich. Eine Schotterstrasse führt unbarmherzig steil zum 4200m hoch gelegenen Pass hinauf. Dafür ist der Wind heute auf unserer Seite. Sobald der Papierkram an der Grenze erledigt ist, flitzen wir gemütlich über die Pamir-Hochebene. Die entgegenkommenden Velofahren fluchen entsprechend über den Wind. Wir ahnen es noch nicht, werden aber bald in ihrer Lage sein.

Der Pamir ist ein extrem trockenes Gebirge. Die Gegend ist fast vegetationslos und wirkt ein wenig menschenfeindlich. Gleich neben dem Pamirhighway führt der Grenzzaun zu China, über Dutzende von Kilometer, entlang. Obwohl China noch viele Kilometer entfernt ist, muss es anscheinend Sicherheitsbedenken geben. Schmuggel von Drogen aus Afghanistan via Tajikistan nach China wird wohl der Hauptgrund sein…

Über einen kleinen Pass erreichen wir den Karakul-See. Auf 3900m gelegen ist das ein riesiger Salzsee, umringt von zahllosen Schneebergen. Wir campen direkt am Seeufer und lassen uns vom monotonen Geräusch der Wellen in den Schlaf wiegen… Richtig in Tajikistan angekommen sind wir eigentlich aber noch gar nicht. Die meisten Leute, die hier auf dem Hochplateau des Pamir leben, sind nämlich von der kirgisischen Ethnie. Aber das Länder und Ethnien nicht übereinstimmen, ist in ganz Zentralasien eine Tatsache. Stalin hat zu Sovietzeiten die Grenzen dieser Länder anscheinend bewusst so gewählt, um das jeweilige Nationalbewusstsein zu schwächen oder im Falle von Tajikistan, um genügend Bevölkerung für eine eigene Nation zusammen zu kriegen.

Das kleine Dorf am Karakulsee erinnert mit den weiss gestrichenen Häusern und dem tiefblauen See an ein Dorf auf einer griechischen Insel, würde da nicht noch Altmetall aus der Sovietzeit zwischen den Häusern vor sich her rosten… Von was die Leute hier genau leben ist uns schleierhaft. Landwirtschaft ist inexistent und ob einige Nutztiere die rund hundert Familien hier ernähren können ist fragwürdig… Besonders im Winter bei bis zu minus 40 Grad muss das Leben hier alles andere als leicht sein. Wochen später erklärt uns jemand, dass die Leute hier den Winter mit dem Verkaufserlös der Tiere uberstehen. Tatsache ist aber, dass sie in diesem Fall im Frühling wieder neue Tiere kaufen müssen. Dass das Geld dafür reicht, bezweifeln wir…

Velofahrer scheint der Pamir-Highway magisch anzuziehen. Schon am ersten Tag treffen wir mehr Leute auf Velos als wir in einem Monat in Kirgistan getroffen haben. Viele kommen Überland von Europa und fahren weiter nach China oder umgekehrt. Der Pamirhighway wurde 1934 von den Russen gebaut um die Region, bzw die Grenzposten der UDSSR zu China und Afghanistan zu versorgen. Heute ist die strategische Bedeutung nebensächlich und der Pamirhighway ist zur beinahe autofreien „Velozone“ geworden… (Fast) durchgehend geteert, versteht sich!

Wenn man all die Flüsse und Seen auf der Karte zusammenzählt könnte man meinen der Pamir sei ein „Wasserschloss“, beim genaueren hinschauen stellt sich dann aber heraus dass mehr als die Hälfte der Gewässer Salzwasser sind… Viel Wasser mitschleppen ist so oft angesagt.

In der Nacht bietet sich hier ein unglaublicher Blick auf die Sterne. Fehlendes Umgebungslicht und trockene Luft sorgen für uneingeschränkten Blick auf die Milchstrasse und auf unzählige Sterne. So kucken wir vor dem Einschlafen oft noch in den Himmel und merken dabei wie unendlich klein wir und unsere Erde in diesem Universum sind.

Nach einigen Tagen auf der „Veloautobahn“ zweigen wir auf einen Nebenweg ab. Die Übernachtung am Salzsee „Rangkul“ wird unerwartet zu einem Kampf mit einem ganzen Schwarm von Mücken. Wer hätte gedacht dass es auf 4000m noch Mücken gibt… Zum Glück findet Corina noch einige übriggebliebene Räucherspiralen aus China, die dann die Mücken auf sicherer Distanz halten. Im kommenden „Ende der Welt“-Dorf ergattern wir noch ein paar Lebensmittel und zweigen dann auf einen noch kleineren Feldweg ab. So wirklich sicher ob wir dem richtigen Weg erwischt haben sind wir trotz der guten Karte (aus der Schweiz!) nicht. Unterwegs trottet dann aber ein Jak inklusive Hirte entgegen und bestätigt die eingeschlagene Richtung. Über einen kleinen Pass erreichen wir eine völlig menschenleere Gegend. Fehlendes Wasser macht es unmöglich hier zu wohnen… Nach einer langen Abfahrt durch eine Sandwüste mit vereinzelten dürren Grasbüscheln erreichen wir wieder eine grössere Strasse und radeln nach Murgab, der „Hauptstadt“ des Bezirkes… Mehr als eine Ansammlung von einigen Häusern und einem kleinen Marktes ist es nicht, aber immerhin ein Ort um wieder einzukaufen und einen Tag auszuruhen. Wir quartieren uns in einem Homestay ein und treffen dort auf weitere Velofahrer und ein Team der Mongolian-Ralley. Mit einer alten Ambulanz sind sie von London losgefahren und reisen in rund einem Monat in die Mongolei. Dort wird das Fahrzeug versteigert und der Erlös einer NGO gespendet. Durch die rund 300 Teams kommt so alljährlich ein relevanter Betrag zusammen. In den kommenden Tagen gibt es regen Gegenverkehr durch die Ralley-Teilnehmer.

Die Shops vom Bazaar in Murgab sind in alten Schiffscontainern untergebracht. Wirklich viel nützliches gibt es nicht zu kaufen. Nach schlechten Erfahrungen mit ungeniessbaren Bisquits machen wir nun einen Testkauf mit anschliessender Degustation bevor wir gerade ein Kilogramm davon kaufen ;-)

Da wir bei einer Familie logieren ist für Frühstück und Nachtessen gesorgt. Zum Zmittag essen wir eine Art russische Ravioli in einem Restaurant beim Markt. Mehr zu der Nachgeschichte von diesen Teufelsdingern dann im nächsten Blog ;-)