Argentinische Wanderwoche zum Ojos del Salado

Fiambala, ein verschlafenes Dorf auf 1500m, ist der Ausgangspunkt zu den „Seismiles“, einer Gegend mit der höchsten Dichte an 6000m Bergen. Erschlossen wird dieses Gebiet durch die Strasse zum Paso San Francisco, welcher weiter nach Chile führt. 

Die Gegend besticht mit einigen sehr einfach zu erreichenden Bergen. So kann z.B. der Ojos del Salado, mit 6893m der höchste Vulkan der Welt und zweithöchste Berg Südamerikas, von Chile aus per 4×4 Auto bis 5400m angefahren werden. Dann eine Nacht auf 5800m im Refugio und am anderen Tag auf den Berg. Das Ganze funktioniert natürlich nur bei bestehender Akklimatisierung…

Wie dem auch sei, uns interessiert eine andere Herangehensweise. Von der argentinischen Seite ist die Gegend unerschlossen und nur durch lange Fussmärsche erreichbar. Schnell stellen wir auf der Karte eine 100km Runde zusammen, die uns über mehrere Tage bis auf 5500m ins Basislager des Ojos del Salado bringen wird. Unterwegs sind diverse kleinere oder höhere 6000er besteigbar. 

 

Das grosse Problem welches sich stellt, ist die Logistik. Weder ich noch Corina sind in der Lage, Essen für 10-12 Tage im Rucksack mitzutragen… Die Variante unser Gepäck von Eseln ins Basecamp transportieren zu lassen scheitert – die Vierbeiner sind noch nicht einsatzbereit für die Saison. Die Option das Basislager per 4×4 Jeep zu erreichen wiederstrebt uns, da wir nicht allzugut akklimatisiert sind und der Sprung von 1500m auf 5500m zu gross wäre. Zum Glück finden wir noch eine dritte Variante. Drei Tage nach unserem Start fährt eine Gruppe per 4×4 in das Gebiet. Wir vereinbaren, dass sie einen Teil unseres Essens mit zum Basislager nehmen.

Was jetzt so einfach tönt, hat uns jedoch ziemlich viele Nerven gekostet und wäre schlussendlich fast gescheitert. Johnson, der Organisator, wollte sich einfach nicht festlegen. Bei jedem Treffen hiess es, wir schauen dann morgen… Am nächsten Tag waren die Voraussetzungen dann natürlich wieder ganz anders. Zum Glück hatten wir tatkräftige Unterstützung von Fernando, einem gebürtigen Argentinier, der lange in der Schweiz gelebt hat und für uns vermitteln konnte. 

 

Per Taxi geht es 120km auf der Passstrasse nach Cazadero Grande. Dort schultern wir unsere Rucksäcke und laufen querfeldein über eine grosse Schwemmebene. Eigentlich sind wir ja inzwischen gut trainiert, aber die ungewohnte Belastung mit schwerem Rucksack zu laufen, schlaucht uns unerwartet stark. 

 

Nach 21 Kilometer finden wir einen windgeschützten Campingplatz, nehmen ein kühles Bad im nahegelegenen Bach und dehnen unsere verspannten Beine etwas…

 

Glücklicherweise fühlen wir uns am zweiten Tag eher besser als erwartet – Anscheinend haben sich unsere Beine blitzschnell an die neue Tätigkeit gewöhnt :-)

 

Wir wandern relativ flach einem Flusslauf entlang. Die Gegend ist vergleichsweise wasserreich. In den tieferen Regionen hat es Bäche und in der Höhe schmelzen die Schneefelder tagsüber, sodass wir dort Wasser gewinnen können. 

 

Für eine ausgiebige Siesta muss immer Zeit sein :-)

 

Auf 4300m schlagen wir unser zweites Camp auf – tiptop um uns wieder an die Höhe anzupassen. 

 

Teilweise folgen wir einem 4×4 Track. Unser Hinweg ist für Jeeps befahrbar, wenn man sich die anspruchsvolle Strecke dann zutraut…

 

Gegen 5000m erreichen wir die ersten Penitenties. Diese Schneeformationen sind typisch für Südamerika. Altschnee schmilzt im trocknen Klima und durch die starke Sonneneinstrahlung auf eine Art, dass nur noch Schneespitzen übrigbleiben. 

 

Heute ist zwar ein kurzer Tag, aber wir haben einen ziemlichen Kampf gegen den stürmischen Gegenwind. Auf 5000m stellen wir unser Zelt auf. Weiter aufsteigen wollen wir aus Akklimatisationsgründen nicht mehr. 

Ein Zelt aufzustellen ist in dieser Gegend jedoch eine langwierige Sache – ohne Windschutz aus Steinen geht gar nichts… Nach einer halben Stunde haben wir eine anständige Steinmauer aufgebaut… Trotzdem erfasst eine Böe unser Zelt beim Aufstellen und prompt bricht eine Zeltstange. Keine grosse Sache, schliesslich haben wir ja eine Reparaturhülse dabei…

Den Nachmittag verbringen wir mit ausruhen und mit Schneeschmelzen. Eine langwierige Angelegenheit bis wir das Wasser für den Abend und den kommenden Tag zusammenhaben. 

Trotz Windschutz flattert und knattert der Zeltstoff die ganze Nacht wie wild im Wind. Mit Ohrenstöpseln kommen wir trotzdem zu etwas Schlaf…

 


Auch der heutige Tag ist nicht allzu lange. Auf 5300 stossen wir auf unsere vom 4×4 Fahrer deponierten Essensvorräte. Leider hat er die Dinge etwas früher deponiert als abgemacht, bis zum Basecamp in „El Arenal“ werden unsere Rucksäcke etwas schwerer sein…

Mit frischen Essensvorräten kommen wir nun wieder in den Genuss von etwas frischem Gemüse und ein paar Früchten. Allerdings ist die Kälte der Nacht diesen nicht gerade gut bekommen. 

 

Allgegenwärtig sind nun wieder die sogenannten Penitentis-Felder. Altschneefelder die zu den charakteristischen spitzen Schneeskulpturen geschmolzen sind. Zu unserer Freude finden wir inmitten von diesen Schneefeldern sogar etwas Schmelzwasser, was uns das langwierige Schneeschmelzen mit dem Benzinkocher erspart. 

 

Corina hat am nächsten Morgen noch etwas mit der Höhe zu kämpfen und entschliesst sich für einen Ruhetag. Ich trage einen Teil des Essens in Richtung Basecamp und kraxle danach mit leichtem Rucksack noch auf den 6214m hohen „Olmedo“. Da der Berg nahe dem 6658m „Walther Penck“ steht, ist er kein offizieller 6000er, bietet sich mit seiner schönen Vulkanform aber trotzdem für eine Besteigung an. 

 

Die Besteigung ist nicht wirklich schwierig, der Gipfelhang ist aber eine steile Geröllhalde mit viel losem Gestein. 

 

Beim Höhenbergsteigen sind kurze Tage angesagt. Der Körper braucht Zeit um sich an die Höhe anzupassen. Deshalb bleibt jeweils genug Zeit um ein paar Runden Jatzy oder Rommy zu spielen. 

 

Auch heute werden wir von einem stahlblauen Himmel empfangen. Der Wind weht moderat für Argentinische Verhältnisse. Übersetzt bedeutet moderat, dass der Wind uns beim Laufen nicht aus dem Gleichgewicht bringt :-)

 

Dies ändert sich aber bald, als wir auf den Vulkan „Del Viento“ hochkraxeln. Die letzten Meter auf den 6028m hohen Vulkan bringen wir mehr auf allen vieren als zu Fuss hinter uns. Aber was soll man auch von einem Berg erwarten der sich „Del Viento“ (der windige) nennt… ;-)

 

Auf dem Gipfel finden wir dann aber doch ein windgeschütztes Plätzchen und lassen uns von der Sonne etwas wärmen. 

In weiteren 1-2 Stunden erreichen wir das Basecamp „El Arenal“ auf 5500m. Wir sind froh als wir endlich die schweren Rucksäcke ablegen können und hinter einem grossen Stein einen annehmbaren Biwakplatz finden. 

Dafür, dass dies das Basecamp für die Besteigung des zweithöchsten Berges von Südamerika ist erstaunt es dass wir weit und breit die einzigen sind. 

 

 Etwas Handarbeit ist dann doch noch gefragt bis wir eine für unser Zelt passende Plattform geschaffen haben.  

 

Am nächsten Tag auf dem Weg zum Hochlager auf 5800m. Wir machen keine allzu grossen Sprünge mehr. Auf dieser Höhe ist das Risiko höhenkrank zu werden zu gross wenn man die Schlafhöhe zu stark erhöht. 

 


Im Hintergrund ist der Ojos del Salado und die morgige Aufstiegsroute sichtbar. 

 


Während wir am Nachmittag im Zelt ausruhen werden wir von einer starken Windböe überrascht, die einen der schweren Steine an dem wir unser Zelt abgespannt haben, verrückt. Leider ist die Wucht des Windes so stark dass die bereits gebrochene Zeltstange nochmals bricht. 

 

Da wir nur eine Reparaturhülse haben improvisieren wir mit einer Bierbüchse. 

 


Wir zügeln unser Lager dann noch hinter den grössten Felsen der sich finden lässt. Der Wind zerrt aber auch im Windschutz unablässig am Zelt. So richtig ruhig schlafen wir diese Nacht nicht. Es ist kalt, die Höhe macht uns etwas zu schaffen und der Gedanke dass wieder eine Zeltstange brechen könnte beschäftigt uns. 

 


Endlich dämmert es. Beim ersten Tageslicht sind wir unterwegs und steigen über sandige Hänge langsam höher. Ein klarer Weg besteht nicht. Wir finden aber immer wieder Wegspuren denen wir folgen können. 

 

Die paar bestehenden Schneefelder lassen sich gut umgehen. Die Höhe macht sich langsam bemerkbar, aber wir kommen gut voran. Der Wind nimmt aber laufend zu und lässt uns die Kälte noch stärker fühlen. 

Auf knapp 6500m laufen wir über ein etwas flächeres Plateau welches noch stärker dem Wind ausgesetzt ist. Ziemlich bald spüren wir, dass wir für diese Verhältnisse nicht genügend ausgerüstet sind. Dicke Daunenhandschuhe, ein Gesichtsschutz und eine Skibrille wären jetzt angesagt…

 

Schweren Herzens drehen wir um. Seeeeehr schade dass es nicht für den Gipfel reicht, aber die Situation ist so klar, dass wir nicht gross diskutieren müssen. Bei diesen Verhältnissen würden wir Erfrierungen riskieren. 

 

Am folgenden Morgen machen wir uns auf den Rückweg. Der Luxus der Zivilisation ruft. Wir sehnen uns nach der Wärme von Fiambala, nach einem Glace, einem Bier und einem guten Stück argentinischem Fleisch…. :-)

Kurzerhand entscheiden wir die 58km bis zur Strasse in zwei statt drei Tagen zurückzulegen.

 

Über endlose Schotterfelder geht es langsam aber stetig hinunter. 

 

Die sandgestrahlten Steine verdeutlichen die Kraft des Windes. 

 

Am späten Nachmittag erreichen wir „Aguas Calientes“, wo entgegen dem Namen nur kaltes Wasser aus einer Quelle fliesst. Wir planen nach 32km zu campen. Der Plan wird aber durch den Wind zunichte gemacht. Es windet nicht nur stürmisch sondern so stark, dass wir oft aus dem Gleichgewicht kommen beim Laufen. Daran unser Zelt aufzustellen ist gar nicht erst zu denken. Die paar windgeschützten Stellen die vorhanden sind reichen nicht aus um den Wind genügend abzuhalten. 

Also laufen wir weiter und weiter und weiter. Erst um 21 Uhr finden wir im letzten Tageslicht ein Bachbett wo wir unser Zelt aufstellen können. Ziemlich gerädert essen wir gegen zehn Uhr Znacht und verkriechen uns müde in die Schlafsäcke. 

 

Am Morgen sieht die Welt wieder besser aus. Die verbleibenden 20km bis zur San Francisco Passstrasse scheinen machbar, auch wenn uns der gestrige Tag noch in den Knochen steckt. 

 

Halbzeit

 

Bei Quemadito

 

Nach neun Tagen erreichen wir am frühen Nachmittag wieder die Passstrasse wo wir gestartet sind. 

Wir haben Glück, bereits nach wenigen Minuten können wir mit drei Argentinier mitfahren, allerdings nur bis zu ihrem Hotel. Dort braucht es nochmals etwas Geduld, aber nach einer weiteren Stunde nimmt uns ein Paar mit ihrem Pickup bis Fiambala mit.

Dort ist das Programm klar: Glace essen auf der Piazza, eine lange heisse Dusche, ein kühles Bier zum Apero und dann ein gutes Nachtessen im besten Restaurant der Stadt! Die Zivilisation hat uns wieder :-)

 

Der Track ist von Hand nachgezeichnet, da die Kälte den GPS Batterien frühzeitig das Leben ausgehaucht hat. 

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